Kongress für Tanzmedizin in Berlin (1; Kurzgeschichte der Faszienarbeit, von Thomas Pittner)

“Faszi/e/nation Tanz – bewegte Vernetzung”, so das wunderbare Motto des  tamed-Kongresses vom 1. bis 3. Juni  im Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz (HZT) in Berlin.

Die Faszination für die Faszien, dem aus seinem Dornröschenschlaf erwachtem Bindegewebe, trifft die Begeisterung für den Tanz, der Freude an der Bewegung. Verschiedene Ansätze, aus der Hochschulmedizin, den Erfahrungen der somatischen Körpertherapeuten und den Bewegung- und Wahrnehmungstrainern vernetzen sich zu einem neuen Bild.

Aber der Reihe nach.
In den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte Ida Rolf ihre Methode der Strukturellen Integration. Anknüpfend an James Taylor Still, den Begründer der Osteopathie, stellte sie das Bindegewebe, speziell das Fasziensystem, in den Mittelpunkt ihrer Körperarbeit; unter Berücksichtigung der besonderen Wirkung der Schwerkraft, die uns nicht nur zu Boden zieht, sondern in einem gut organisiertem Körper mit “richtiger” Vorspannung in den Faszien, auch aufrichtend wirkt.

Aus der Osteopathie, wie der Name schon nahe legt, waren die Faszien wieder weitgehend verschwunden. Und in der Hochschulmedizin spielten sie keine Rolle. Wer mal in einen der üblichen Atlanten schaute, sah wunderschön freigelegte Muskeln, Ursprung und Ansatz am Knochen. Faszien durften nur an den seltensten Stellen im Bild bleiben: wenn man sie direkt als Muskelansatzstelle ansehen -musste-, oder wenn sie so groß waren, dass sie sich nicht mehr verschweigen ließen. ;-)

Ida Rolf erkannte die Veränderbarkeit der Faszien; durch intensive Berührung lösen sich Verkürzungen, Verhärtungen, Verklebungen, es entstehen eine neue Körperstruktur und die Möglichkeit für freiere Bewegungsmuster. “Rolfing” wurde zum Markennamen für zahlreiche, von Ida Rolf und ihren Nachfolgern am Rolf Institute in Boulder (später auch in München und Brasilien) ausgebildete “Rolfer”. So sehr es auf das persönliche Talent des einzelnen Therapeuten ankommt, das sich ergänzende und weiterentwickelnde Wissen mehrerer Generationen ergeben einen wahren Schatz zur Entwicklung des “Rolfing Touch”, der typischen intensiven und doch sehr aufmerksamen Berührung, die Faszien zum -schmelzen- bringt.

Das interessierte auch die Hochschulmedizin; so wurden Faszien (tote) auf ihre plastische Verformbarkeit untersucht, mit dem Ergebnis, dass es einen Druck von einer Tonne pro cm^2 braucht, über einen längeren Zeitraum, um eine dauerhafte Veränderung zu erreichen. So kann man nicht an Menschen arbeiten, also war das Thema gegessen. Es gab zwar Studien, die in vorher/nachher-Vergleichen die Veränderungen dokumentierten; die ließen sich aber wegen geringer Fallzahlen und “erwiesener” Unwirksamkeit der Methode einfach negieren.

Dabei war nur der Untersuchungsansatz falsch. Der Druck ist nur -ein- Faktor bei der  dauerhaften Veränderung einer Faszie; oft wahrscheinlich nicht mal der wichtigste.
Seit einigen Jahren rücken die Faszien aus dem Abseits ins Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen, meist von neurophysiologischer Seite, zeigen die Veränderbarkeit von Faszien. (in D vor allem die Fascia Research Group, Uni Ulm, unter Leitung von Robert Schleipp)
Dabei spielen Rezeptoren und andere Teile des Nervensystems eine entscheidende Rolle. Der Druck wäre dann vor allem ein Weg der Vermittlung der Veränderung, ein Zugang zu unseren tief im Kleinhirn abgespeicherten Mustern von “normaler” Haltung und “normaler” Bewegung.

Ida Rolf hatte schon relativ früh erkannt, dass die Lösung körperlicher Strukturen alleine noch nicht unbedingt wirklich freie Bewegungsmuster bewirkt. Sie holte Judith Ashton ans Rolf Institut, die mit Gael Ohlgren die Rolfing-Vision von Bewegungsarbeit entwickelte. Später wurde die Arbeit von Hubert Godard  zu tonic function, der tonischen Muskulatur, die uns aufrichtet und mit der wir “normale”, harmonische Bewegungen ausführen, und zur Körper- und Raumwahrnehmung ein entscheidender Baustein.

 Im Jahre 2003 begannen wir, begeistert durch eigene Erfahrungen in Rolfingsitzungen, unsere Ausbildung in München bei der European Rolfing Assoziation (ERA). Als eine der ersten Klassen in Europa war bei uns Rolfing Movement wichtiger Teil der Stunden, neben einem “strukturellem” Hauptlehrer gab es eine “funktionale” Hauptlehrerin.
Neben dem “klassischen” Rolfing wurden wir stark vom Movement geprägt, auch durch mehrere spätere Workshops mit Gael Ohlgren (Rolfing Movement, Continuum Movement, “Ida’s Vision”) und Einflüsse aus anderen Bewegungsschulen.

Der tamed vermittelte den Eindruck, dass es eine Annäherung gibt. Die wissenschaftliche Erkenntnis der Faszien-Veränderbarkeit auf Basis des Nervensystems legt nahe, dass auch Wahrnehmungen und Vorstellungen direkten Einfluss haben könnten. So beschäftigen sich verschieden Bewegungsschulen, entweder schon länger oder in Anbetracht des Kongressmottos, speziell mit der Beeinflussbarkeit der Faszienspannung, der Auswirkung auf Bewegungsmöglichkeiten und -qualitäten. Ob nun FaszienFitness, Rolfing Movement, Imaginationsarbeit (Eric Franklin), Body-Mind-Centering, Bartenieff Fundamentals oder biodynamischem Ansatz.

Aber dazu mehr im Teil Zwei

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